Anfang November schaukelte sich das System „französische Gesellschaft“ spontan auf und führte zu großen Aufruhren im ganzen Land. Die Bewegung der „gelben Westen“ (les gilets jaunes) kann als erwartbares aber unvorhersagbares Verhalten eines komplexen hoch-vernetzten Systems betrachtet werden. Wie kann jetzt Systemtheorie der französischen Regierung und den Teilnehmern der Bewegung dabei helfen, Gewaltausbrüche einzustellen und vielleicht gemeinsame Erfolge zu erreichen? Das schauen wir uns jetzt an und holen uns dazu die Hilfe des Systemtheoretikers Prof. Dr. Peter Kruse.

 

Kurze Chronologie der Bewegung „les gilets jaunes“

Ende September: Ankündigung einer Preiserhöhung auf Treibstoff

Mitte Oktober: Post des Videos einer bis dahin unbekannten Dame (Jacline Mouraud) auf Facebook

Mitte November: Erste Demos

Heute: wilde Bewegung, viel Gewalt und Zerstörung

 

Kurze Einführung mit Pr. Peter Kruse im Bundestag (3 min)

 

 

Systemanalyse

Was Prof. Dr. Kruse uns sagt ist, – etwas interpretiert – dass gewisse Eigenschaften in einem System zu unvorhersagbaren und unplanbaren Verhalten führen. Und das System „französische Gesellschaft“ hat genau diese Eigenschaften (wie mittlerweile fast alle menschlichen Systeme):

Hohe Vernetzungsdichte

Je nach Quellen sind es ca 60 Millionen Internetnutzer in Frankreich und davon über die Hälfte, die aktiv auf soziale Netzwerke sind. Also haben wir um die 30 Millionen Menschen im Land, die eng vernetzt sind, wenn man nur das online Verhalten betrachtet. Diese Menschen sind aber selber weiterhin Teile von weiteren Organisationen außerhalb des Netzes und tendieren sicherlich dazu sich über viele Themen auszutauschen. Unter anderem über ihr Leben im Netz. Es gilt also, dass die virtuelle und die physische Welt in einem dichten Netzwerk an Menschen verbunden sind.

Autonomie

Der Aufschwung des s.g. Web 2.0 liegt längst hinter uns und mittlerweile ist die aktive Beteiligung an dem großen Werk jedermanns Sache. In diesem konkreten Fall ist Jacline Mouraud offenbar dem Drang, ihre Sicht zur aktuellen Situation und ihre damit verbundenen Gefühle zu äußern, nachgegangen und hat, wahrscheinlich ziemlich spontan, ein kurzes Video aufgenommen und gepostet. Offensichtlich ohne großes Material und für nahezu keine Kosten. Sie folgte keinen Anweisungen, keinem Aufruf irgendeiner formellen Gruppe oder Struktur und hat einfach nach ihrem Empfinden spontan und autonom agiert.

Feedback

Nun kommt die letzte Dimension ins Spiel: schnelle und einfache Feedbackschleifen zu den spontanen Aktivitäten im System. Es ist nun ein neuer Inhalt im System. Dieser Inhalt ist schnell und einfach (keine Kosten, kein Gewohnheitsveränderung notwendig) für viele vernetzte Zellen sichtbar und finden diese Zellen einen Wiedererkennungswert oder eine größere Interesse an dem Inhalt, so können sie wiederum ganz schnell und einfach durch Feedbackschleifen wie „like“, „repost“, „retweet“, „teilen“ usw. die Verbreitung verstärken.

 

Ja alles klar, Danke. Das ist Internet. Nichts Neues hier, oder?

Nein. Nichts Neues (je nachdem ab welche Existenzdauer etwas als Normalität betrachtet wird…). Aber wieder eine wichtige, größere Chance sich mit den relevanten Fragen zu befassen und als Gesellschaft weiterzukommen. Denn warum hat genau dieses eine Video dazu geführt? Wieso ist dieses spontane Aufschaukeln genau hier und jetzt entstanden? Im Nachhinein betrachtet könnte man sicherlich viele Faktoren erkennen, die es möglich gemacht haben. Genauso wie es ziemlich selbstverständlich erscheint, wie einfach ein Rad ist, nachdem man es erfunden hat.

 

Wie unterscheidet sich das von jeglichem Protest, den es schon immer gab?

Der Unterschied besteht unter anderem darin, dass die Bewegung, die aus diesem komplexen System entstanden ist, sich selber wie ein komplexes System verhält. Sie hat die drei Eigenschaften weiterhin beibehalten

Vernetzungsdichte

Ergibt sich dadurch, dass die Mittel die, die Entstehung ermöglicht haben, weiterhin bestehen. Die Teilnehmer sind nicht weg vom Netz, weil sie auf die Straße gehen. Im Gegenteil ist die Dichte (physisch und virtuell) dadurch erhöht worden, dass sie noch einfacher zusammenkommen und sich erkennen (ein Nebeneffekt der gelben Westen)

Autonomie

Jeder kann sich ausprobieren, Impulse zu setzen. Mittlerweile gibt es mehrere Facebook-Gruppen, die versuchen eine Plattform für den Austausch oder die Koordination anzubieten. Es hatten sich auch zum Beispiel mehrere Menschen spontan zu Sprechern der Bewegung erklärt und wurden zu dem Ministerium eingeladen

Feedback

Nun die letzte Dimension: diese spontanen autonomen Initiativen finden ihren Resonanzraum im Netz oder eben auch nicht. So sind mehrere dieser Gruppen schon wieder eingeschlafen, da ihre Initiativen nicht aufgegriffen wurden. Die Sprecher wurden teilweise sogar bedroht und haben sich zurückgezogen (der angesagte Termin am Dienstag den 04.12 wurde z.B. abgesagt).

Wir sehen also hier eine Bewegung, die eigentlich ein komplexes System ist. Und nun kommt die Falle, in die wir alle tappen. Egal ob Teilnehmer der Bewegung, Mitglied der Regierung oder Nachrichtenkonsument aus dem Ausland …

 

Wir versuchen dieses komplexe System mit unseren klassischen Ansätzen zu interpretieren

Wir versuchen, die Kernbotschaft zu identifizieren. Wir wollen gern einen Sprecher oder eine Instanz haben, die sagen kann, was die Anforderungen genau sind. Städte wünschen sich eine Stelle, die eine formale Anfrage zur Genehmigung der nächste Demos einreichen kann. Viele suchen ein Regelwerk, welches bestimmen kann, wer zur Bewegung gehört und wer nicht. Journalisten vertippen sich und schreiben über den einen oder anderen als „Leader“, Vorsitz oder Repräsentant der Bewegung.

Wir streben alle an, diese Unsicherheiten abbauen zu wollen. Es ist doch die einzige Möglichkeit, wenn es wieder Struktur geben soll, oder? Nur so könnte das ganze etwas erreichen.

Ich würde ganz klar sagen: nein. Wie man so schön sagt: „zu jedem komplexen Problem, gibt es eine einfache, schnelle Lösung, die auch falsch ist“. Das wir die „Lösung“, nicht kennen, heißt nicht, dass sie nicht existiert. Es ist aber so, dass wir fast aus Versehen in eine komplexe Welt gerutscht sind. Wir haben als Gesellschaft nie wirklich gelernt mit komplexen Systemen und systemischer Unsicherheit umzugehen. Jetzt ist wieder die Chance da, als Gesellschaft bewusst etwas daraus zu lernen.

 

Es gilt nun gemeinsam neue Werkzeuge zu entwickeln und auszuprobieren

Wenn meine Erfahrung etwas wert ist, dann würde ich behaupten, dass die Merkmale des Systems „Lösung“ (oder eher des Systems in welchem Lösungen entstehen können), die gleiche sind, wie die des Problems: Vernetzungsdichte, Autonomie und Feedback.

Wenn wir wieder auf Prof. Dr. Kruse hören: in Systemen in denen keine klaren Strukturen mehr zu erkennen sind, keine klare Grenzen vorhanden sind und spontanes Aufschaukeln jederzeit unvorhersagbar möglich ist, ist das, was das System zusammenhält seine Werte. Und noch wichtiger, der Diskurs um und über diese Werte.

Wir brauchen also einen Rahmen, einen neuen Raum, in welchem in voller Transparenz jeder dabei mitwirken kann, ein dynamisches Wertesystem zu entwickeln und zu beleben. Wodurch dann die Möglichkeit gestärkt wird, sich an der Bewegung zu beteiligen oder nicht.

Wir sind zurzeit nur alle überfordert, weil wir nie gelernt und erarbeitet haben, welche Werkzeuge wir in dieser neuen Welt benötigen. Also Monsieur le Président: die Aufgabe eines echten Systementwicklers ist nicht, das Problem zu lösen. Es ist die Chancen zu maximieren, dass das System die Probleme erfolgreich lösen kann.

Das Problem wird sowieso nicht dadurch verschwinden, weil wir ihm dem Raum zur Lösung zu geben. Denn eigentlich war die Preiserhöhung dafür gedacht, die ökologische Transition zu forcieren. Und Klimawandel wird nicht durch CRS (Spezialeinsatzkräfte der Polizei) und Festnahmen bekämpft, oder?

 

(einige) Quellen zum Nachlesen:

https://www.ouest-france.fr/societe/gilets-jaunes/chronologie-gilets-jaunes-deux-semaines-de-contestation-en-france-6103538

https://www.bfmtv.com/societe/en-direct-par-peur-de-represailles-une-delegation-de-gilets-jaunes-renonce-a-sa-reunion-a-matignon/

https://www.europe1.fr/dossiers/gilets-jaunes

https://www.facebook.com/jacline.H

https://www.facebook.com/search/str/gilets+jaunes/keywords_groups?epa=SEE_MORE

https://www.lejdd.fr/Politique/sur-facebook-les-gilets-jaunes-tentent-dorganiser-la-mobilisation-de-samedi-a-paris-3804347



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