Was man so auf Twitter findet…

Wenn die Bundeskanzlerin das agile Vorgehen im Bundestag erklärt und verteidigt, fühlt es sich ein bisschen wie Weihnachten an. Denn die Komplexitäter glauben sehr daran, dass die Veränderung der Welt alle betrifft und nicht nur eine Sache von Software Entwicklern und Key Note Speakers ist.

Der interessante Ausschnitt des Videos dauert ca. eine Minute und ihr könnt ihn euch hier anschauen (ab 21:44). Gerne möchte ich danach ausarbeiten, welche wichtige Kernaussagen drinstecken und wo Angela auf ihrer agilen Reise wahrscheinlich steht. Weil es nämlich noch Entwicklungspotential gibt 🙂

 

 

#customerfocus – 21:44

Der Einstieg ist beeindruckend treffend: nehmt den Kunden wieder in Fokus. Noch besser: startet mit dem Kunden, also „vom Bürger her denken“. Eine zentrale Idee in der Umstellung einer Organisation auf Komplexität: immer erst den Bedarf identifzieren – anders formuliert: erstmals das Problem klären. Wie Steve Jobs sagte „If you define the problem correctly, you almost have the solution“.

Und wenn es wie im Video um ein Tool geht, das von Menschen benutzt werden soll, ist die beste Idee, sich auf diese Menschen zu fokussieren. Wie ich immer mal wieder dem einen oder anderen Geschäftsführer sage: „wenn es um den Kunden geht, ist deine Meinung irrelevant“.

 

#itsokaytobewrong – 22:11

Nach einer kritischen Beschreibung des klassischen Vorgehen im Projektmanagement, erklärt uns die Kanzlerin, wie ein iteratives Vorgehen aussieht. Und dann kommt der Satz, der mir wieder etwas Angst macht: „und dieses richtige Denken wird […] ganz wichtig sein“.

Ok. Wow. Stopp.

Also… dass ein iteratives Vorgehen höchstwahrscheinlich weniger falsch ist, damit kann ich gut leben. Aber mir wird etwas bange, wenn es als „das Richtige“ gekennzeichnet wird. Wie Dirk von Gehlen wunderbar sagt, „es gibt leider nicht einfach nur eine richtige Lösung“. Und die Veränderung in unserem Denken und in unserer Haltung besteht zentral auch genau darin, das zu verinnerlichen.

Der Versuch wieder an Sicherheit zu gewinnen, weil man denkt, *die* richtige Lösung (egal wie kompliziert sie ist) gefunden zu haben (oder finden zu können), das ist aus meiner Sicht der klassische Fehler. Das Verfallen in alten Mustern. Der implizite Ruf nach Sicherheit als Orientierung unserer Handlung.

Akzeptieren, dass es nicht geht. Dass Unsicherheit, Mehrdeutigkeit und Paradoxie Teil unserer Welt geworden sind. Dass man sich ständig wieder neu anpassen müssen wird, *das* ist im Kern dieser Veränderung und im Kern der Agilität.

 

#planningiseverything – 22:26

Gleich danach wird für mich das klassische Denken wieder spürbar. Als Angela sagt, dass man sich bei der Umsetzung kurzfristig auf einige Kernfunktionalitäten fokussieren wird, „so dass, wir […] Ende 2022 wirklich den vollkommenen und kompletten Zugang […] digital schaffen werden“.

Alsoooo… na ja.

Ein kundenzentriertes iteratives Vorgehen besteht ja darin, dass man nicht gleich alles von Anfang an durchplant, sondern Schritt für Schritt umsetzt, misst und sich entsprechend des „Feedbacks“ anpasst. Wenn ich jetzt schon sage, wo ich in 3 Jahren stehen werde, dann ist es höchstwahrscheinlich, dass ich Feedback, Lernen und Anpassen nicht so ernst nehme. Wenn ich es wirklich ernst nehme, dann heißt es, dass ich auch die Unsicherheit akzeptiere, nicht unbedingt zu wissen, wo es hinführen wird. Wichtiger ist es mir auf dem Weg meinen Werten treu zu bleiben und immer wieder in Frage zu stellen, ob das was ich tue sinnvoll und wertvoll ist. Aber das Ergebnis bestimme ich nicht alleine im Vorfeld. Es bestimmt sich iterativ und kontinuierlich durch meine aufmerksame Interaktion mit meiner Umwelt.

Das erinnert mich an so typischen Aussagen im Unternehmenskontext wie „ja, ja, wir können das Projekt mit Scrum machen, Hauptsache wir haben das Produkt in 12 Monaten – könnt ihr das sicherstellen?

Nein. Können wir nicht und sollten wir nicht. Denn ich möchte lieber schnell und ständig erfahren, ob das, was wir entwickeln, sinnvoll ist, und wie wir es anpassen können. Und da ich nicht wissen kann, was ich noch nicht weiß, weil es von meiner tatsächlichen Handlung abhängt, kann es sehr wohl sein, dass es uns in 12 Monaten zu einem Ergebnis geführt haben wird, was wir heute nicht vorhersagen können.

Was ich sicherstellen kann ist, dass ich alles tue, um die Chancen zu erhöhen, das Richtige richtig zu machen. Mehr nicht.

 

Hauptsache: der erste Schritt

Aber gut. Es ist schon ein riesen großer Schritt, dass Agilität im Bundestag verteidigt wird. Und die Welt ist voller Hoffnung, wenn es schon sehr schlaue Kollegen gibt, die sich mit der Veränderung in der öffentlichen Verwaltung beschäftigen und dort unterstützten: https://agile-verwaltung.org/page/1/ – keep on!

Die Veränderung betrifft uns alle. Und um dieser zu begegnen, findet ihr hier Inspiration und da wertvolle Einstiegvideos.

EDIT: wir hatten unter den Komplexitätern eine lange Diskussion darüber, ob es akzeptabel ist, ab und zu in diesem Artikel nur den Vornamen der Bundeskanzlerin zu verwenden… ich habe diese Form gewählt, weil die Veränderung uns allen in erster Linie als Mensch betrifft und davon hängt ab, wie wir in unserer Rolle damit umgehen. Wir hören gern eure Meinung dazu!

‚Foto: Alexander Kurz, Lizenz: CC-BY-SA-3.0‘



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